Kolumnen erschienen im « Schweizer Buchhandel» 2010
Januar 2010 - «Das Antiquariat – ein Ort nur für ältere Herren?»
3000 Zeichen sagte der Herr Chefredakteur dürfe ich zu meinem Einstand verwenden. 3000 Zeichen um über einen Zweig des Buchhandels zu reden der vielen von Ihnen eigentlich unbekannt ist. Ganz sicher zuwenig!
Zumindest ist laut Statistik das Lesepublikum dieser Zeitschrift zu 80% weiblich und zwischen 25 und 35 Jahren alt. Und zu meinem Leidwesen kommt diese Bevölkerungsgruppe im Antiquariat weder als Kundin noch als War-Schauerin vor. Darum mein kurzer, mäandernder Versuch, vor allem den geschätzten Leserinnen etwas über den antiquarischen Buchhandel zu erzählen um vorhandene Schwellenängste abzubauen.
Woher bekommen Sie Ihre Bücher? Eine Frage die ich immer wieder gestellt bekomme.
Früher oder später wandert jedes Buch ins Antiquariat! Sei es über Nachlässe oder bei Wohnungsumzügen, über Ankäufe von thematisch ausgerichteten Sammlungen die ihren Abschluss gefunden haben oder Ankäufe von teuren bibliophilen Ausgaben bei Auktionen oder Antiquariaten.
Bei Nachlässen ist es dann die Kunst des Antiquaren – excüsi auch diese sind zu 95 % Männer – die kulturell erhaltenswerten Bücher von jenigen zu trennen, die es wert sind als Toilettenpapier oder Kartonage aufgearbeitet zu werden. Keine leichte Aufgabe in der Tat doch absolut notwendig. Dass sehr viele Kollegen sich damit schwer tun, zeigen oft die überbordenden Gestelle ihrer Läden, in denen man sich kaum bewegen kann. Man mag diesen Zustand originell finden, ich finde dies lediglich unpraktisch und kundenunfreundlich. Und dafür sind dann doch eher Brockenhäuser zuständig. Andererseits steht dahinter ein Gedanke den ich auch in Zeiten der Umschlagsgeschwindigkeit berührend finde - jedes Buch wird irgendwann seine Kundin oder seinen Kunden finden. Daraus spricht auch der Respekt vor dem Kulturgut Buch, nur leider stehen dem oft die hohen Lagerkosten entgegen.
Brockenhäuser und Flohmärkte sind natürlich auch eine Quelle von Büchern. Auch dort kann man Trouvaillen finden sofern man früh aufsteht.
So wartete ich an einem sonnigen Samstag morgen auf einen Kollegen mit dem ich plaudern wollte, der sich aber gerade im Gespräch befand. Meine Durchsicht der Flohmi-Stände hatte leider keinen Erfolg erbracht. Gelangweiligt sah ich mich um und entdeckte zufällig bei einem Stand zuunterst in einer Bananenschachtel schmale, schwarze Bändchen die sich bei näherer Betrachtung als die legendäre expressionistische Zeitschrift «Der jüngste Tag» entpuppte. Und mitten drin die Erstausgabe von Franz Kafkas «Der Heizer» von 1913. Mit pochenden Herzen fragte ich die liebenswürdige Verkäuferin was den die Heftchen kosten sollen. «Die dicken drei und die dünnen zwei Franken». Fast ohnmächtig entnahm ich meiner Brieftasche die Summe und erwarb den ganzen Stapel. Und machte ein tolles Geschäft damit.
Rechnet man allerdings die vielen erfolglosen Stunden, die man an solchen Orten verbringt, so kommt man garantiert auf einen Stundenlohn bei dem ihre Gewerkschaft bereits den Generalstreik ausrufen würde.
Womit ich bei einem weiteren Punkt angekommen bin. Das Antiquariatsgeschäft ist wie auch das BuchhändlerInnen-Dasein eine eigene Lebensform. Wer sich für diesen Beruf entscheidet, tut es garantiert nicht des Geldes wegen, sondern aus Freude und Leidenschaft am magischen Objekt Buch.
Das sinnliche Vergnügen in einem Antiquariat zu verweilen und sich von verschiedensten Büchern aus fünf Jahrhunderten inspirieren zu lassen, müsste doch auch die Damenwelt unseres Gewerbes entzücken. Und das Gespräch mit einem charmanten Antiquaren kann durchaus mehr als nur verstaubt sein. Überzeugen Sie sich doch selbst!
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und freue mich über Fragen, Anregungen und Hinweise. Peter Petrej Antiquar (www.buch-antiquariat.ch).
März 2010 - «Ich kaufe also bin ich»
Was die Frankfurter Buchmesse für die BuchhändlerInnen ist, sind die diversen Antiquariatsmessen für Antiquare. Sehen wohin die Trends gehen (denn auch das Büchersammeln unterliegt Modeströmungen), wie sich Preise entwickeln, Kontakte mit Kollegen aus anderen Ländern und vor allem das Einkaufen. Dies ist umso wichtiger, da wir nicht einfach bei einer Auslieferung Bücher ordern können, handeln wir doch in erster Linie mit vergriffenen oder alten und seltenen Büchern. Und auch Büchern die nur in einer kleinen limitierten Auflage bei bibliophilen Pressen erschienen sind.
Das Buch das noch heute bei Ihnen als unverkäuflicher Ladenhüterim Regal steht, kann durchaus in einigen Jahren ein gesuchtes, teures Objekt im Antiquariat sein. Also nichts verbrennen oder einstampfen!
Wie im richtigen Leben gibt es auch im Antiquariatsgeschäft eine Hackordnung. Die Platzhirsche des Gewerbes – oder jene die sich dafür halten - stellen an der Stuttgarter-Antiquariatsmesse aus, hochkarätiges wird dort angeboten und auch oft verkauft.
Da bietet Kollege A eineAugustinus-Ausgabe aus dem Jahr 1489, einen Basler –Inkunabeldruck für EUR 32.000.– an. Das es auch noch hochpreisiger geht, zeigt Kollege B mit einem handgeschrieben Stundenbuch um 1480 für einen Betrag mit dem Sie locker ein Haus (leider nicht in Zürich) kaufen können.
Aber auch dort finden Sie Bücher für das kleinere Budget und ein Besuch lohnt sich allemal.
Aus einer Messe für den Antiquaren des mittleren Segments , hat sich die «Antiquaria» in Ludwigsburg in24 Jahren zu einer Messe entwickelt bei der auch durchaus teurere Bücher zu finden sind. Viele Stuttgarter Kollegen nutzen die einen Tag früher öffnende «Antiquaria» um noch etwas einzukaufen, sei es um das eigene Sortiment aufzustocken oder weil der Preis zu attraktiv ist um es stehen zu lassen.
Immer im Januar - heuer zum fünfzehnten Mal – organisieren die Balser Kollegen einen kleinen aber feinen Antiquariatsmarkt, den ich sehr schätze und bei dem ich immer wieder gesuchte Titel zur Freude meiner Kunden finde. Ausserdem ist die Stimmung so wohltuend entspannt, fast freundschaftlich, sodass dieser Termin für mich langfristig gebucht ist. Das anschliessende Essen im kollegialen Kreis hat mittlerweile schon Tradition.
In wenigen Tagen nun, vom 5.- 7. März haben Sie dann in Zürich die Gelegenheit, sich von der Schönheit des antiquarischen Buches verzaubern zu lassen. Im Vortragssaal des Kunsthauses findet dann die 16. «Antiquariatsmesse Zürich» statt. 34 Antiquare und immerhin zwei Antiquarinnen - vorwiegend aus der Schweiz und aus Deutschland,- vom ehemaligen Flohmarkthändler bis zum international handelnden Antiquar (Visit only by appointment!), der die Metamorphose vom bibliophilen Fabrikanten zum Antiquar durchlaufen hat, werden dann ihre Präziosen ausstellen. Freikarten können gerne bei mir bestellt werden (info@buch-antiquariat.ch).
Antiquare mögen im allgemeinen wenig Teilhaben am Konsumwahnsinn, die Kenntnis von Modelabels sind völlig unwichtig, auch der Aktienstand oder der Goldpreis sind vernachlässigbare Grössen, aber wenn es ums Kaufen von Büchern geht, dann sind wir wirklich Süchtige. Und eine Messe an der man nichts gekauft hat, sei es weil man nichts fürs Geschäft oder die eigene Privatsammlung gefunden hat, oder weil der Ankaufsetat wieder einmal wie leider oft überschritten ist, hinterlässt bei mir ein Gefühl der Leere, beunruhigt mich, Selbstzweifel tauchen auf.
Ein Grund schön essen zu gehen oder ein bisschen zu saufen. Oder eben das Andere – na Sie wissen schon. Nein, Sport ist es nicht.
Ich hoffe, wir sehen uns an der Zürcher Messe (Stand 33), ich würde mich freuen. Peter Petrej, Antiquar.
Mai 2010 - «Antiquariat im Internet. Veränderung des Geschäftes.»
«Ja dann verkaufe ich es selber bei «abcd (Name dem Schreiber bekannt)», war die geschäftstüchtige Antwort der Tochter einer Witwe die mir gerade die Bücher Ihres Verblichen verkaufen wollte. Die Damen konnten sich aber mit dem von mir vorgeschlagenen Preis partout nicht anfreunden. «Auch recht», dachte ich mir – Geld und Arbeitszeit gespart, und marschierte mit meinen doppelten papierigen Einkaufstaschen – ich nehme immer 50 gefalzte mit – zum Tram.
Was die junge Dame nicht bedacht hat, würde sie noch rasch und mühsam lernen. Titel biographisch erfassen – keine leichte Sache, wenn man es nicht gelernt hat. Preise zu erruieren gar nicht einfach,. auch nach Jahren der Selbständigkeit halte ich das für etwas vom Schwiergisten.. Natürlich je älter desto komplexer ist die Preisbestimmung. Und wenn es dann endlich bestellt wird, muss das Buch noch gut eingepackt werden. Und dann geht’s ab zur Post. Und da ist mittlerweile einiges an Wissen gefragt will man ja dass das Buch unbeschädigt ankommt zu einem erträglichen Tarif.
Und vielleicht kommt das Buch dann wegen Nichtgefallen wieder zurück, oder der Kunde vergissst zu zahlen. Und alles läuft über das Zollpostamt und kann auch da noch die MWst kosten.
Den Mehrwert den diese Dame damit vielleicht erzielen wird, verflüchtigt sich dann ziemlich rasch
Das Internet mit seinen diversen Verkaufsplattformen ist nicht nur ein Segen sondern hat auch vielen Antiquaren den Garaus gemacht. Ladengeschäften an guter Lage sind mit billigen Büchern gar nicht mehr zu finanzieren. Viele Kollegen haben ihren Bestand in ihre Privatwohungen oder in ein Lager verlegt und empfangen Kunden nach Vereinbarung nur noch dort.
Das niederpreisige Segment bis etwa CHF 50.– hat sich vor allem ins Internet verlagert. Dort findet auch ein massiver Preiskampf statt, der die Kunden kurzgfristig erfreut. Spätestens dann wenn Sie die zu Dumpingpreise erworbenen Titel ins Antiquariat tragen, werden Sie mit der brutalen Realität konfrontiert. Ich nehme derlei nur noch gratis, das meiste muss sowieso entsorgt werden. Was eine nicht zu unterschätzende Aufgabe ist.
Während meiner Lehre vor 25 Jahren bei Sigismund Seidenberg seelig im Antiquariat «Das gute Buch» haben wir das Gebrauchsbuch in grossen Mengen an- und auch verkauft, doch heute geht das leider nicht mehr.
Nicht umsonst ist dieses Antiquariat das übervierzig Jahren in der Zürcher Altstadt existiert hat, letztes Jahr still und leise eingegangen. Und wird durch ein Restaurant ersetzt.
Zuerst kommt das Fressen dann erst das Buch.
Mai 2010 - «Bücherdatenbanken - ein Segen und ein Fluch!»
Immer wieder singen Buchhändlerinnen, BibliothekarInnen,ja sogar Sammler das Hohelied der Online- Plattformen, von denen es mittlerweile doch einige gibt. Neben www.antiquariat.de (ehemals prolibri.de), übrigens die einzige Datenbank deren Besitzer die Antiquare selber sind, gibt es noch: antbo.de, antiquario.de, bücherfreund.de, booklooker.de, nicht zu vergessen zvab.de und abebooks.com (im Besitz von Amazon).
Datenbanken sind nicht billig. Neben den Einstellgebühren müssen oft noch Provisionen und allenfalls Abzüge für Kreditkartenabrechnungen bezahlt werden. Dies führt natürlich dazu, dass die Bücherpreise bei den Plattformen zwischen 10 % und 20% höher sind als beim Antiquar direkt. Also benutzen Sie die Plattformen als praktische Suchmaschinen und bestellen Sie direkt.
Leider gebärden sich die Internet-Dienstleister immer mehr, als wären Sie die tatsächlichen Besitzer der Bücher und bewerben dies entsprechen. Antiquare sind nicht Partner sondern werden immer mehr zu Erfüllungsgehilfen der Datenbank-Aktionnäre degradiert.
Gerade darum ist eine Datenbank wie www.antiquariat.de als Gegengewicht so wichtig. Im Gegensatz zu den anderen Datenbanken (ausser der Datenbank des Internationalen Antiquariatsverbandes: www.ilab.org) wird dort auch ein bestimmter Qualitätsanspruch an den einzelnen Teilnehmer erhoben, nicht jeder kann Mitglied werden.
Viele der Hobbyantiquare die überall die Bücher aus Opas Mottenkiste verkaufen, verfügen über wenig Kenntnisse des Antiquariatshandels. Entsprechend frustrierend sind dann die Bücherleichen die einem entgegenstarren wenn man wieder einmal aus lauter Gier «günstig» bestellt hat.
Der bestellten Erstausgabe von Robert Walser fehlen nicht nur die Vorsätze, nein auch der Rücken ist mit Klebstoff angeleimt, sodass sich das Buch kaum öffnet lässt. Doof wenn man dann schon bezahlt hat. Dass man angeblich aus Schaden klug wird, ist leider nur ein schwacher Trost.
Die meisten dieser Leute sind nicht nur unfähig eine saubere bibliographische Beschreibung des Buches abzuliefern, sondern nehmen es auch mit der Rückzahlung dann nicht so genau. Wer einmal eine solche Erfahrung gemacht hat, weiss den seriösen Antiquariatshändler dann sehr zu schätzen.
Wir hatten letztes Jahr insgesamt drei Rücksendungen einmal wegen Nichtgefallens und das andere Mal weil die geschätzte Bibliothekarin etwas überlesen hatte. Und beim dritten Fall ist mir ein bedauerlicher Fehler unterlaufen – ja auch die gibt es.
Bei über 1000 Sendungen also kein schlechtes Ergebnis worauf ich stolz bin. Im Gegensatz zum Nationalstolz habe ich mir diesen «Orden» selbst erarbeitet. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.
Ohne Zweifel sind die Datenbanken hilfreich, ist doch praktisch jedes vergriffene Buch verfügbar, man kann Preise vergleichen und gelegentlich sogar Schnäppchen machen. Nur wenige Bücher sind wirklich selten, sind doch die meisten x-fach vorhanden.
Darum gibt es etliche Kollegen, die Bücher, die mehr als zehn Mal im Internet vorhanden sind, schon gar nicht mehr anbieten.
Im Klartext heisst das, dass die virtuelle Häufigkeit das Sortiment teilweise bestimmt. Nicht die Qualität und die kulturelle Bedeutung eines Werkes ist also entscheidend.
Bedenkt man andererseits, wie wenig doch z. B. zehn Exemplare auf eine deutschsprachige Gesamtbevölkerung von etwa 100 Millionen sind, erscheinen mir dann derlei rigide Massnahmen als zu grosser Kotau vor einer effizienten Lagerbewirtschaftung.
Eine tragische Entwicklung haben Antiquare sich doch über Jahrhunderte hinweg als Kulturbewahrer - als temporäre Sammler -im Dienste der Buchfreunde verstanden.
Mein Lehrmeister Sigi Seidenberg meinte immer, ein gutes Buch müsse fünfJahre liegen!
Das eben diese Pseudo-Transparenz auch zum Preisverfall führt merken Sammler erst dann, wenn Sie mal wieder mit Säcken voller Bücher in den Laden kommen, oft mit den Preisausdrucken aus dem Internet.
Ich pflege dann gern meinen grünen Altpapiercontainer als Endlösung anzubieten.
Einmal durfte ich mich darum als Nazi beschimpfen lassen. Aber als Verkäufer ist man doch einiges gewohnt. Ich ziehe dann einen Saunabesuch in Erwägung und stelle mir vor, dass man mit den unbedeutenden Schinken ganz schön aufheizen könnte.
Oder diese am1. Mai als Wurfgeschoss benutzen. Bücher statt Gummigeschosse – ein polizeilicher Betrag zum Bildung unserer unruhigen Jugendlichen.
Juni 2010 - «Sammler sind manchmal glückliche Menschen.»
Kennen Sie die schöne Oberpfalz? Sicher nicht, wo doch die Malediven fast genauso schnell zu erreichen sind und erst noch dauernd die Sonne scheint.
Ich habe sie jetzt am Wochenende kennengelernt. Eine sanfte hügelige Landschaft die sich zum «Radl fohrn» ausserordentlich gut eignet. Mit vielen Felder, Wäldern und kleinen putzigen Dörfern und einer hohen Arbeitslosigkeit.
Wegen diesen Gründen bin ich dann natürlich nicht in sieben Stunden durchs herrliche Allgäu nach München (Umsteigen!), und dann nach Regensburg (Umsteigen) und von dort nach Weiden i.d.Opf. gefahren.
In Regensburg war sich die Deutsche Bahn etwas unsicher, auf welchem Gleis der Zug abfahren soll, was mir dann fasst ein «Härzkriesi» beschert hat. Und die sympathische Bekanntschaft einer interessanten Russlanddeutschen, deren Familie 1943 vom Genossen Stalin nach Kasachstan deportiert wurde.
Einmal mehr fand ich den Spruch: «Der Kluge fährt im Zuge» so ganz treffend und richtig, und wer möchte sich nicht für klug halten?
Natürlich war der eigentliche Grund dieser kleinen Weltreise weder die landschaftliche Schönheit noch der Schweinebraten mit Semmelknödeln (Oder doch Knödel hat sich schon Karl Valentin gefragt) sondern - wie könnte es anders sein - eine Bibliothek.
In den frühen neunziger Jahren, anlässlich eines Jahrestreffens
der Pirckheimer-Gesellschaft, der ehemaligen und nun bundesweiten – ja es gibt sogar in der Schweiz einige Mitglieder - anzutreffenden Ex-DDR Bibliophilengesellschaft, benannt nach dem Nürnberger, Humanisten, Mäzen und Dürerfreund, Willibald Prickheimer (1470 -1530), lernte ich ein Ehepaar, beides sympathische, originelle bayrische Urviecher, kennen.
Man verstand sich prächtig, hatte in etwa den gleichen Schmäh und natürlich das Interesse an schönen Büchern. Er, Richter von Beruf, wollte sich frühpensionieren lassen, um danach in Potsdams Holländerviertel ein Antiquariat zu betreiben, aber vor allem mit anderen Bücherfreunden die wichtigen Fragen des Lebens ausgiebig zu erörtern. So der Plan.
Dass dann einige Zeit später bei ihm Krebs diagnostiziert wurde, war nicht geplant und nach einer siebenjährigen Leidenszeit verschied der liebenswürdige Jurist.
Vor einigen Monaten nun trat die Witwe mit der Bitte an mich heran, zwecks einer Erbteilung die hinterlassene Bibliothek zu schätzen. Ich hatte von der Witwe immer wieder gehört, dass das ganze Haus voller Bücher sein soll und machte mich auf einiges gefasst. Und so war es dann auch. Nein noch viel schlimmer! Zwei Bücherschränke waren komplett – zweireihig hintereinander – mit viel Akribie bis auf den letzten Platz vollgestellt. Ebenso ein Bücherzimmer, dessen Wandgestelle ebenfalls zweireihig und lückenlos vom Boden bis zur Decke gefüllt waren, ausserdem standen noch etliche Stapel am Boden. Und dann waren da noch 20 vollgepackte Zügelkisten, die die Familie aus Gründen der Bewohnbarkeit, nach dem Tod des Sammlers aus den anderen Räumen entfernt hatte.
Und da Häuser aus dem18. Jahrhundert auch noch einen kleinen Stall hinter dem Haus angebaut haben, hatte der manische Bücherfreund auch noch diesen mit 44 gewichtigen Schachteln gefüllt.
Innert 2 Tagen habe ich dann die Bücher durchgesehen und bin dabei zu einem vernichtenden Urteil gekommen. Kein einziges wirklich tolles Buch, keine Inkunabel, keine Handschrift, nicht mal eine läppische signierte Erstausgabe vom vielsignierer Günter Grass.
Obwohl immerhin Bücher aus 4 Jahrhunderten, das älteste von 1540 vertreten waren, war nichts dabei, was das Herz eines Antiquaren höher schlagen liess. Vieles war inkomplett, z. B. die Ouevre-Ausgabe von Moliere von 1773 allerdings nur zwei von sechs Bänden – ein Jammer – des weiteren etliches an Theologie und Jurisprudenz, komplett in Originaleinbänden immer wieder zu verkaufen, aber unvollständig kaum.
Und dann noch Unmengen an Leseliteratur aus der DDR – damals billig, heute wertlos.
Merke: den Antiquar interessiert nicht der Inhalt, sondern das haptische eines Buches.
Allmählich bekam ich ein erschütterndes Bild dieses Büchermaniaks. Nicht das Buch als solches stand im Zentrum seiner Leidenschaft, sondern der Kick des Kaufens. Den gekauft wurde in erster Linie alles, was billig war, eben auch inkomplette Ausgaben.
Im allgemeinen bescheiden bis geizig, lebte er seinen Konsumtrip zum Leidwesen seiner Gattin in Büchern bemerkenswert intensiv aus.
20.000 mehr oder weniger unverkäufliche Bücher sind das ernüchternde Ergebnis eines 45 jährigen «Sammlerlebens».
Wobei natürlich die Verwertbarkeit nicht das einzige Kriterium sein soll. Dem Verblichenen hat es Freude bereitet, das ist eigentlich Grund genug.
Glücklicherweise schwante der klugen Frau schon etwas, was die Sammlung Ihres Ehemanns betraf, sodass Sie ob meiner Schätzung nicht besonders schockiert war.
Sie hat jetzt ein schriftliches Gutachten und ich hatte ein erholsames Wochenende in der Oberpfalz.
Und ausserdem wurde mir wieder einmal klar, dass Sammler keine glücklichen Menschen sind, sondern Besessene!
September 2010 - «Strandgut des Lesens.»
Abfall hat mich schon als kleiner Bursche interessiert. In meinen Hosentaschen fanden sich immer diverse Fundstücke, was Mann dann irgendwann brauchen konnte. Diese wurden in einer kleinen, rostigroten Blechkassette für den Tag X gesammelt. Dann und wann warf ich einen Blick in meine Schatzkiste und fühlte mich reich und bedeutend.
Mag sein, dass dies gewisserweise zu meinem Beruf als Altpapierhändler geführt hat. Sicher ist jedenfalls, dass ich neben meiner grossen Leidenschaft für schöne und aussergewöhnliche Bücher, seit jeher fasziniert bin von den Zettelchen und Briefen, Postkarten, Strassenbahn- und Theaterbilletten, oder was man sonst so an Seltsamem zwischen den Buchseiten findet. Seit Beginn meiner Selbständigkeit sammle ich nun dieses Strandgut des Lesens und träume von einer Ausstellung, am liebsten in einem grossen Museum – vielleicht im Neubau des Kunsthauses Zürich? Anstatt mit Blutgeld teuer erkaufte Tableaux weltbekannter Meister Vergessenes und sogenannt Wertloses von Unbekannten.
Ganz nebenbei gehört der Kunsthaus-Neubau meiner Meinung nach Schwamendingen und anstelle dessen sollten am Heim-Platz wie der Name schön sagt, bezahlbare Wohnungen gebaut werden.
Unverständlich warum nur ich auf eine solche zukunftweisende Idee komme. Muss wohl am halluzinogenen Potential des Bücherstaubes liegen.
Nach dieser gedanklichen Kurve möchte ich Ihnen jetzt doch noch einige poetische Funde der letzten Wochen vorstellen.
Im Buch «The Mystic warriors of the plains» von Thomas E. Mails fand ich die s/w–Postkarte « Die [sic!] erste Schnee» aus Adelboden. Da schreibt ein Herr Gertsch am 28. 2. 1955 an den «Lieben Röbi», dass «die Kinder den Skiurlaub geniessen und hofft, dass alle Gesund sind...», usw. Was man halt so schreibt. Interessant der Dialog zwischen dem ethnologischen Indianerbuch und der Postkarte. Ob sich Röbi als letzter Indianer gesehen hat – wir werden es wohl nie erfahren.
Hermann Burgers «Brenner» - in der Erstausgabe - wurde mittels eines lieblich-kleinen Hangneigungsbestimmungslineals für topographische Karten malträtiert, welches von der Solothurner Handelsbank, die auch schon längst zur UBS gehört, gesponsert worden war.
Abgesehen davon, dass nicht nur Burger ein starker Raucher war – auch das Buch roch kräftig nach kaltem Rauch - waren bis zur Seite 124 allerlei wichtige Sätze angestrichen. Einer, der mir besonders gefallen hat: « ... , nie vergesse ich den wohl grössten Befreiungsakt meiner Existenz,...». Ja, verdammt was mag das wohl gewesen sein, dass der Leser diesen Satzteil zu seinem eigenen gemacht hat. Liebe?, Geld?
Warum die bis dahin akribische Lektüre nicht weitergeführt wurde, weiss ich natürlich auch nicht. Das Leben steckt auch im Kleinen voller Geheimnisse, da erscheint einem dann die Frage nach Gott doch ziemlich banal.
Den kleinen Taschenkalender aus dem Jahr 1939 fand ich im vierten Band von Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften, herausgegeben von Rudolf Steiner, einerhübschen Halblederausgabe aus dem späten 19. Jh. Bemerkenswert und rührend die Rückseite des Kalenderchens, wo eine moderne Amazone mit einem Rundschild mit Schweizerkreuz ein braves Meitschi schützt. «La Suisse, Die Schweiz, gegründet 1858» steht da noch drauf. Und «Versicherungen, Leben, Renten Unfall».Und ich dachte bis dato, 1291 wär’s gewesen. Vielleicht hat der stramme Leser und Offizier beim Einrücken sich den Band aus der heimischen Bibliothek mit in den modrigen Bunker an der Grenze mitgenommen. Schon seltsam: auf beiden Seiten des Stacheldrahts war der Geheimrat Goethe ein Gott dem gehuldigt wurde. Und trotzdem richteten die Leser die Waffen aufeinander.
Lesen macht eben leider keine besseren Menschen. Aber es vertreibt trübe Gedanken. Und manchmal geht einem das Herz auf. Vielleicht ist also doch noch Hoffnung?
Als ich vor einigen Jahren einmal mehr vier Tragtaschen voller Büchermüll vor der Ladentür vorfand, was mich zu einem heftigen frühmorgendlichen Wutausbruch animierte, habe ich bei der genauen Durchsicht ein Couvert einer Bank gefunden. Und darin fanden sich neun nigelnagelneue Hunderternötli. Erblassen Sie nur vor Neid!
«Die letzten Wort Christi am Kreuz...», ein hübsches handgeschriebenes und bemaltes Zettelchen von 1835 fand ich in einem fischledrigen Band des Neuen Testaments, 1790 bei David Gessner in Zürich gedruckt. Der Vorsatz prachtvolles handgemachtes Tapetenpapier, Rundumgoldschnitt und einige schöne Kupferstiche.